Der Traum vom Teilen

Bryan Dijkhuizen auf Unsplash

Da drüben war es. Ungefähr einen Kilometer von hier. Auf dem Campus des TPI, während meines Vikariats. Da drüben war es. Da saß ich zusammen mit Solveig und Sarah, mit Lüder, Tobias und Jenny, mit den beiden Barbaras, mit Kay, Sven und Ulrike in U-Formation.

Es ging um Lehrpläne und Methoden, um den Umgang mit Störungen im Unterricht. Es ging darum, wie man biblische Geschichten erzählt, und um den Sinn von Zensuren. Tagsüber ging es darum.
Abends gab es eine Andacht. Danach verkrochen wir uns zu dritt auf unsere Zimmer oder machten auch mal alle etwas zusammen. Wir tranken Wein und Cola, rauchten im Hof. Waren genervt oder erfreut oder auch einfach nur erschöpft vom Tag. Wir regten uns über die Dozenten auf und übereinander. Wir redeten über die Zukunft der Kirche und unsere Rolle darin. Und waren dabei selber die ganze Zeit Kirche: Eine Weggemeinschaft, eine Lerngemeinschaft, eine Glaubensgemeinschaft. Wir beteten zusammen und sangen. Wir stritten und rauften uns wieder zusammen. Wir teilten, was es zu teilen gab: Erfahrungen & Einsichten, Beziehungsprobleme, Brot & Wein, Einsamkeit, Lieblingssätze von Jesus, ab und an auch einmal eine Zigarette.
So war das damals in meiner Moritzburger Glaubensgemeinschaft, ungefähr einen Kilometer von hier. Es gibt viele solcher Gemeinschaften,  an vielen Orten: Alte und neue, kurzlebige oder beständige, analoge und digitale.
Und sie alle sind – irgendwie und letztlich – bezogen auf die ersten Glaubensgemeinschaften, die wir kennen. Auf die Menschen, die mit Jesus unterwegs waren und auf die Christinnen und Christen in der ersten Jerusalemer Gemeinde.

Der Predigttext für diesen Gottesdienst steht in der Apostelgeschichte im 4. Kapitel und handelt von dieser ersten Jerusalemer Gemeinde. Da heißt es:
Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.  Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen. Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte.
Eins der pädagogischen Werkzeuge, die ich in meiner Zeit in Moritzburg kennengelernt habe und das ich immer noch oft benutze – auch beim Predigen, besteht darin, Überschriften zu suchen.

Welche Überschrift geben wir der Geschichte, die wir eben gehört haben?
In der Lutherbibel heißt der Text: Die Gütergemeinschaft der ersten Christen.
Die Bibelübersetzung mit dem Namen „Das Buch“ nennt die Geschichte „Gelingende Gemeinschaft“.
„Hoffnung für alle“ formuliert: „Die Gemeinde wächst“.
Die Volxbibel titelt: „Die Jesusfamilie geht ab“.
Reformiert nüchtern formuliert die neue Genfer Übersetzung: „Die Einheit der Gemeinde: praktische Auswirkungen.“
Die Elberfelder Bibel nennt die Geschichte ganz schlicht „Gemeindeleben“.
Ich nenne sie: „Wann wird es endlich so wie es nie war.“

Wann wird es endlich so wie es nie war?
Ist Euch das zu steil? Oder zu überheblich? Woher will ich denn wissen, dass es nie so war. So schön. So uneigennützig. So kraftvoll. So missionarisch. So „ein Herz und eine Seele“-mäßig??
Ich weiß es wirklich nicht. Ich vermute nur, dass Lukas übertreibt.  
Denn zum einen ist seine Apostelgeschichte ja ursprünglich kein Liveticker gewesen, sondern 60 Jahre nach diesen Ereignissen aufgeschrieben worden. Zum anderen vermitteln mir die Quellen, die wirklich nah dran sind an dieser Anfangszeit, ein anderes Bild. Ich rede natürlich von den Paulusbriefen. Auch Paulus berichten von der  Schönheit der ersten Gemeinden, von einer noch nie dagewesenen gleichberechtigten Gemeinschaft unter Frauen und Männern, Sklaven und Beamten, Geringverdienern und Gutsituierten, Analphabeten und Hochgebildeten. Aber er erzählt auch von Streit und Chaos:
Von Personen, die betrunkenen zu den Abendmahlsfeiern erscheinen;  von mangelnder Spendenbereitschaft und finanziellen Nöten, von Autoritätsgerangel und davon wie schwer es ist, wenn man eine kleine, gesellschaftlich eher randständige Glaubensgemeinschaft ist. Davon erzählt Paulus.


Ich finde das ja entlastend. Ich finde es entlastend, dass die ersten Christinnen und Christen offenbar auch Probleme hatten, dass sie sich stritten und trotzdem darum rangen beieinander zu bleiben, Kirche Jesu Christi zu bleiben und den geistlichen Glutkern ihrer Gemeinschaft zu bewahren.
Ich denke, dass unser Bibelabschnitt über die junge christliche Gemeinde ein Zeugnis dieses Ringes ist. Denn Lukas malt uns ja einen Zustand vor Augen, den es vielleicht so nie gab, der aber trotzdem ein nicht endender Ansporn für die Kirche ist, ein Modell, ein Traum, eine Motivation …
Eine Empfehlung, wie es gehen könnte, beieinander zu bleiben. Weggemeinschaft, Lerngemeinschaft, Glaubensgemeinschaft zu bleiben, auch unter schwierigen Bedingungen. Wie es gehen kann, dass Kirche eine „gelingende Gemeinschaft“ ist, eine „Jesusfamilie, in der es abgeht.“

Was ist das für eine Empfehlung? Für ein Traum?
Es ist der Traum vom Teilen!
„Auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam. Man gab einem jeden, was er nötig hatte,“ heißt es bei Lukas.
Und natürlich geht es hier erst einmal um Handfestes, um Materielles: Um Land, Immobilien und Geld. Und zwar nicht das Geld der Kirchgemeinden oder der Landeskirche, sondern um unser Geld. Um das Geld der Christinnen und Christen. Was geben wir von unserem Besitz ab, damit alle bekommen, was sie  nötig haben?

Ich möchte das mit dem Teilen aber heute noch etwas weiter fassen.
„Danke fürs Teilen.“ Das ist ein Satz, den ich den letzten Jahren oft gelesen habe, unter Posts auf Facebook oder Instagram. Ich habe ihn auch schon gehört in Gesprächsrunden. Sogar in der Kirche. Und wenn ihr denkt, dass ich mich gleich über diese Form des Teilens lustig machen werde, irrt ihr euch. Denn natürlich teilen Menschen  auch Fotos von Katzen und merkwürdige Videos und Verschwörungstheorien.
Aber sie teilen auch Unterrichtsentwürfe auf Facebook und Erinnerungen an Menschen, die ihnen wichtig waren. Sie erzählen in Podcasts von ihren Suchterfahrungen oder Krebserkrankungen. Sie teilen im Chat eines digitalen Gottesdienstes ihre Angst und ihre Gebete. Ich habe schon den Eindruck, dass in den letzten Jahren überall analoge und digitale Orte und Gruppen entstanden sind, in denen diese Form des Teilens liebevoll praktiziert wird. In denen Menschen bereit sind, sich einander zu zeigen, in all ihrer Verletzlichkeit und auf Menschen treffen, die ihnen zuhören und sie ernst nehmen. Und das empfinde ich als großes Geschenk und wünschte mir noch mehr davon, gerade auch in der Kirche.

Und noch ein Drittes. Wenn es ums Teilen geht, geht es nicht nur um Geld und Erfahrungen, sondern auch um „Macht“. Und das hat auch etwas mit dem Thema dieses Gemeindepädagogentages zu tun - mit dem Verhältnis von Beruflichen und Ehrenamtlichen in der Kirche.
Ich habe ja von Berufs wegen viel mit Ehrenamtlichen zu tun und weiß daher, dass die Machtfrage wichtig ist.  „Macht“ klingt abstrakt, äußert sich aber konkret. Da geht es um Informationen und Schlüssel fürs Gemeindehaus, um Gottesdienste und wer sie leiten darf. Es geht ums Loslassen und Zulassen und darum, wen man in welches Gremium beruft.  „Untereinander seid ihr alle Brüder und Schwestern.“ Sagt Jesus und die Genfer Bibelübersetzung sagt: „Die Einheit der Gemeinde: Praktische Auswirkungen.“ Da sind wir als Kirche noch beim Lernen. Und wir Beruflichen auch, ist mein Eindruck.  
Ihr Lieben: Wann wird es endlich so wie es nie war? Ich lese noch einmal, was Lukas über die Anfänge der Kirche geschrieben hat. Ich lese und staune, dass Kirche so sein kann, dass er uns zutraut, so Kirche Christi zu sein.

Da drüben auf dem Campus war es und hier findet es gerade statt und 80 km weiter in Chemnitz und  500 km weiter in Buxtehude und 7000 km weiter in Atlanta und 9000 km weiter in Kapstadt.
Menschen versuchen Kirche Jesu Christi zu sein. Sie ringen um Einheit und um Geschwisterlichkeit. Sie teilen miteinander, was es zu teilen gibt: ihr Eigentum, Brot & Wein, Einsamkeit, Lieblingssätze von Jesus, Diagnosen, Freude, Glück und Gebete.
Das ist kein Zustand, kein Status, es ist eine Aufgabe und ein Geschenk.

Predigt auf dem Gemeindepädagog*innentag 2024 in Moritzburg

 

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