Irmgard hat Geburtstag

Hosein Sediqi auf unsplash

„Gott hat mich noch nie enttäuscht.“ Die Frau, die das sagt, heißt Irmgard. Seit letzten Sonntag ist sie 105 Jahre alt. Und weil Irmgard Sonntags immer in den Gottesdienst geht, tat sie das auch an ihrem Geburtstag.
Sie trug ihre schönste Bluse und ihre beste Brosche. Den Rollator ließ sie im Vorraum der Kirche stehen. Sie setzte sich neben Helga, so wie immer. Helga ist auch schon über 90, aber in Irmgards  Augen natürlich ein junges Ding.
Nach Glockengeläut, Orgelmusik und der Begrüßung des Pfarrers holte ein Kirchvorsteher fünf gelbe Blumen hinter dem Altar hervor und überreichte sie der Jubilarin. Die Gemeinde sang, erst schüchtern, dann immer beherzter: "Viel Glück und viel Segen auf all deinen Wegen. Gesundheit und Freude, das schenke dir Gott."
Dann gratulierte der Kirchvorsteher Irmgard und hielt  eine kleine Rede. Sie war voller  „nochs“. Wie erstaunlich es sei, dass Irmgard noch fit ist, noch geistig rege, überhaupt noch am Leben. Mit 105!
Irmgard fand  das nicht so erstaunlich. Nicht einmal die Rede. Aber mit 105 hat man natürlich schon allerlei erlebt.

Nach der Rede des Gratulanten sollte es nahtlos weitergehen mit dem Gottesdienst, es sollte mit dem Psalm weitergehen. Aber daraus wurde nichts. Denn plötzlich stand Irmgard auf. Außerplanmäßig. Sie sagte: "Danke für euer Ständchen. Danke für die Blumen.“ Und dann fügte sie hinzu (und in diesem Satz gab es auch ein „noch“): „Gott hat mich noch nie enttäuscht. Mein Leben war nicht immer einfach. Das wisst ihr. Aber jetzt am Ende ist irgendwie alles in der Waage


Sie setzte sich. Die Gemeinde betete den Psalm, hörte eine Lesung, sang, machte sich bereit für die Predigt. Der Pfarrer kam nach vorn. Aber statt mit der Predigt anzufangen, bat er Irmgard zu sich. Und er sagte: „Erzählen Sie uns mehr von Ihrem Leben und davon, wie Gott sie begleitet hat." Irmtraut schaute verschmitzt zu Helga. Die nickte ihr zu. Und dann ging Irmtraud an ihrem 105. Geburtstag sehr würdevoll nach vorn. 

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